Chantal Michel: zeitgenössische Träume

Der Verein der Freunde finanzierte zum 100-jährigen Todestag von Albert Anker eine Videoarbeit, die Chantal Michel auf Einladung von Matthias Frehner realisierte. Wir waren überzeugt, dass die Thuner Künstlerin mit ihrer feinfühligen, respektvollen Herangehensweise das Werk des Inser Malers würdigt und unseren Blick auf ihn erneuert. Michels Arbeiten, seien es Fotografien, Filme, Performances oder Videos, evozieren stets eine faszinierende Stimmung. Mit grossem Gespür für den Zeitschritt interpretiert sie berühmte Kunstwerke früherer Epochen neu, indem sie das Bildgeschehen auf ihre eigene Weise nachstellt und zugleich künstlerisch umgestaltet.1

Ihr vorsichtiges Herantasten an die älteren Bildwerke grosser Meister lässt niemanden unberührt. Gelegentlich erregen die Arbeiten Ärger, manchmal verstören sie, oft zaubern sie ein Lächeln oder ein Schmunzeln ins Gesicht.

Das Werk Honig, Milch und erste Veilchen (Inv. V 2010.112) ist eine Hommage an Albert Anker. Die Thunerin setzt eigene Akzente: Sie lässt Zucker rieseln und eine Feder tanzen. Die Künstlerin belebt das Ankersche Stillleben und wirft auch einen Blick hinter die Kulisse, hinter die Fassade und die scheinbar idealisierte Welt, die der Maler in einer Momentaufnahme auf Leinwand gebannt hatte. Michel ahmt nicht nach, sondern erlebt und interpretiert die Vorlage neu, und immer ist sie selber als Figur im Bild, manchmal gespiegelt, manchmal verdoppelt oder gar verdreifacht. Sie platziert sich in den Wohnraum, in die Trinkerbude oder legt sich bleich und krank ins Bett.

Ihre Figuren gleiten durch Räume, die inszenierten Stilleben ähnlich sind. Was bleibt in ihren Werken als Realität? Wo beginnt ihre Kreation, ihre eigene Phantasiewelt? Wer das Vergnügen hatte, Chantal Michel im Schloss Kiesen zu besuchen, wusste bald nicht mehr, wo die Grenze zu ziehen sei. Mit Hingabe hauchte sie dem brüchigen Schloss Leben ein, verzauberte Zimmer und Säle mit ihren Doubletten. Ihre Frauenfiguren tanzten durch die Gänge, rockten im Badezimmer, verschmolzen mit den Räumen und wurden Teil des Mobiliars. Wirklichkeit und Märchenwelt vereinten sich.

Auch in Honig, Milch und erste Veilchen taucht Chantal Michel in den Ankerschen Schauplatz ein und wird wieder Teil davon. Hühner picken im Hintergrund, Tücher flattern im Wind. Die Szenerie erinnert an ein Tableau vivant, einst ein beliebtes Gesellschaftsspiel: Die gemalte Handlung wird in die Gegenwart katapultiert, die Figuren von lebenden Menschen gespielt.

Chantal Michel stellt einem das Werk Ankers neu vor. Die Verbindungen zu ihm sind auf Anhieb erkennbar, und doch ist es nun Michels eigene Arbeit. Es sind szenische Interpretationen auf der Theaterbühne, bewegte Aktionen und animierte Historienbilder neu interpretiert und von der Künstlerin als Hauptfigur eingenommen, festgehalten auf einer Fotografie oder gefangen in sich wiederholenden Bewegungsabläufen, in Loops. Eine Camera obscura gibt, voyeuristisch humorvoll, Einblicke in eine geisterhaft animistische Parallelwelt – oder «Märchenwelt», wie Chantal Michel sie nennt. Hinter dieser Märchenwelt steht ihr Wunsch, die weit verbreitete Berührungsangst der Menschen im Umgang mit Kunst und Museen zu reduzieren. Sie macht die Werke alter Meister greifbarer und verständlicher, indem sie diese mit ihrem künstlerischen Eingriff in die Gegenwart transponiert.

Dank Chantal Michel habe ich mich Ankers Werk angenähert, habe seine humorvolle, empathische Sicht auf seine Mitmenschen und seine Umwelt in den Werken spiegeln sehen. Plötzlich wirken die Bilder des oft als folkloristisch wahrgenommenen Historienmalers Anker nicht mehr «pathetisch verstaubt», denn sie vermitteln einen liebevollen Einblick in das Alltagsleben der Inser Bauern mit spielenden Kindern, strickenden Grossmüttern und Zöpfe flechtenden Bauernmädchen. Wir realisieren schliesslich, dass nicht einfach eine heile Welt zelebriert wird, sondern sehen auch die sozial- und bildungskritischen Referenzen.

Chantal Michels Werk zollt dem grossen Maler Respekt. Sie hält sich an den Rahmen seiner Komposition. Sie setzt sich und andere Lebewesen als «Material und Modell» ein. Dabei verwischen die Grenzen zwischen «Rolle» und «Realität», zwischen Allegorie und dem Eigenen. Dies macht ihre Kunst authentisch und real. Sie nennt ihre Inszenierungen «zeitgenössische Träume» in Albert Ankers Bildwelt. Unter den Archivalien der Anker-Stiftung in Ins finden sich unzählige Kostüme, Teekannen, Möbel und andere Requisiten des Künstlers. Chantal Michel erweitert mit Leidenschaft ihre ansehnliche Garderobe mit historischen Kleidern, alten Hüten und Accessoires und durchstöbert hierfür Flohmärkte und Brockenstuben. Sie benützt diese Objekte für ihre Arbeiten und umgibt sich mit ihnen. Für die Hommage an Anker durfte sie auf originale Requisiten zurückgreifen: so sehen wir eine beseelte Teekanne, ein liebgewonnenes Dominospiel, eine schmucke Zuckerdose wiederverwendet.

Die Video-Arbeit läuft in einem dunklen, dumpfen Raum und wird von «Musikbrocken» untermalt. Mehrere Monitore zeigen zeitgleich oder auch hintereinander Videosequenzen. Die Sinne der Betrachter werden richtig gefordert, was Matthias Frehner veranlasste, Chantal Michels Anker-Arbeit als eine «didaktische multimediale Gegenwartskunstbrücke zu Anker» zu bezeichnen.

Unser Verein hat gemäss seinen Statuten in den letzten 100 Jahren fleissig angekauft, darunter vielfach Werke von Künstlern mit einem engen Bezug zum Kunstmuseum Bern. Gelegenheiten dazu boten sich während Ausstellungen, an Auktionen oder bei Atelierbesuchen. Das Werk von Chantal Michel hingegen ist eine Auftragsarbeit zu Ankers 100. Todestag – eine, meine ich, originelle Würdigung seiner Kunst.

Mit Chantal Michel (Inv. V 2010.112), Silvia Gertsch (Inv. G 01.013, Inv. G 08.002 und Inv. G 08.003 ), Meret Oppenheim (Inv. Pl 00.004) und Ingeborg Lüscher (Inv. Pl 97.004) sind im letzten Viertel unserer hundertjährigen Ankaufstätigkeit vier Künstlerinnen vertreten. Zuvor hatte sich der Verein, abgesehen von Germaine Richier (Inv. Pl 85.014), Adèle Lilljeqvist-Wieland (Inv. G 1056) und Alice Bailly (Inv. G 1047) kaum für Kunst aus Frauenhand interessiert. Dies ist zu bedauern, denn in der Schweiz wären auch damals zahlreiche herausragende Künstlerinnen zu entdecken gewesen. Wer weiss, ob sich dieses Versäumnis noch aufholen lässt. Umso mehr möge das 21. Jahrhundert gleichermassen fest in Frauen- und Männerhänden sein – auch in der Kunst!

Ich habe als erste Frau die Ehre, den Verein zu präsidieren. Ich bin stolz darauf, mit einem gendermässig ausgewogenen, engagierten Vorstand zusammenzuarbeiten.

Sabine Hahnloser Tschopp