Fundrasio – Interview mit Sabine Hahnloser Tschopp

Sabine Hahnloser Tschopp studierte Kunstgeschichte und Journalismus in Bern und Montreal. Sie kam früh mit Kunst in Berührung, stammt sie doch aus der Sammlerfamilie Hahnloser in Winterthur. Diese Sammlertätigkeit führt sie nun in 4. Generation weiter.

Sabine Hahnloser Tschopp, Sie stammen aus einer Familie, die sich seit vielen Jahren der Philanthropie und Förderung von Kunst verschrieben hat. Was hat es für Sie bedeutet, in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem persönliche Großzügigkeit schon immer zu den zentralen Werten gehörte? In einer kulturengagierten Familie aufzuwachsen ist wie in einer fussballbegeisterten Familie zu leben. Als Kind geht man überall mit, engagiert sich und fiebert mit als sei es das Normalste der Welt. Es war für mich als Kind nicht ungewöhnlich Ausstellungen zu besuchen und Kontakte mit Kunstschaffenden zu pflegen. Bei uns hing Kunst an der Wand, es waren vertraute Familienstücke wie bei anderen Familien in anderer Form auch. In der 2. Klasse mussten wir ein Objekt von zuhause mitnehmen, welches mir und auch meiner Familie viel bedeutete. Meine Klassenkameraden haben zum Beispiel einen Pokal des Vaters, sein Taufbüchlein oder ein hübsches Familienfoto mitgebracht; ich habe kurzerhand zuhause ein Bildchen abgehängt und in ein Küchentuch gewickelt. Der kleine Hodler hing 2 Wochen im Klassenzimmer bis meine Mutter das Fehlen bemerkt hatte. Für mich war das Bildchen eben genauso bedeutend wie das Taufbüchlein des Grossvaters.

"Jeder Mensch, der einem anderen etwas Gutes tut, ist ein Philanthrop."

Wir wurden sanft aber bestimmt zu Freiwilligenarbeit hin geschubst. Als Kind verkaufte ich Lose für den Missionsbasar oder Briefmarken für Pro Juventute. Regelmässig für die betagten Nachbaren einzukaufen war Pflicht und eine verantwortungsvolle Aufgabe; das Sackgeld von 20 Rp. wurde umgehend für Cola-Fröschchen ausgegeben.

Meine Eltern haben es vorgelebt: Beide haben sich stets kulturell und sozial engagiert, an Projekten mitgearbeitet und Vereine und Stiftungen mit aufgebaut. Es ging nicht um finanzielle Unterstützung, sondern in erste Linie um persönliches Engagement, Wissen und Zeit für eine gute Sache aufzubringen.

Gibt es eine Person, die Sie besonders inspiriert hat und warum? Ja, meine Mutter Mania Hahnloser. Sie hat in den 70er Jahren die Alliance Française de Berne gegründet und diesen Verein dann 35 Jahre lang geführt. Es war neben der Familie ihr Herzens- und Lebensprojekt und zugleich ihr Hobby. Ihr Vorbild inspiriert mich zu ähnlicher Hingabe und macht mich stolz.

Was war der Grund dafür, dass Ihre Familie die Sammlung in der Villa Flora aufgebaut hat? In der Villa Flora, im Wohnhaus der Familie Hahnloser in Winterthur, wird heute die Sammlung meiner Urgrosseltern Hedy und Arthur Hahnloser gezeigt. Die ersten Kunstwerke wurden im ersten Jahrzehnt des 20. Jhdt. angekauft, zuerst Werke von Schweizer Künstlern und ein paar Jahre später Kunst der Nabis und Fauves in Paris. Die beiden haben meist direkt bei den Künstlern und ihren Familien oder in damals noch avantgardistischen Galerien gekauft. ‘Vivre son temps!’ war einer ihrer Leitsätze. Bei zeitgenössischen Künstlern zu kaufen brauchte neben einem unbestechlichen Auge für gute Kunst Mut und viel Risikobereitschaft. Das Paar hat bis 1936, dem Tod von Arthur Hahnloser, ihre «Kerle» (d.h. ihre Künstler) durch Akquisitionen unterstützt und so zu deren Lebensunterhalt beigetragen. Die Enkelinnen und Enkel haben in den 80er Jahren mit dem Sammlungsbestand die Hahnloser Jäggli Stiftung gegründet; heute sind gegen 400 Kunstwerke im Stiftungsgut. Die Villa Flora wurde mehrere Jahre als Privatmuseum geführt und ein Teil der Villa wurde noch von der Familie bewohnt. Im März 2024 konnte die Villa Flora nach einem gelungenen Umbau offiziell als 3. Ausstellungshaus des Kunstmuseums Winterthur wiedereröffnet werden. Ein grosser Teil der Sammlung Hahnloser ist nun dort permanent ausgestellt.

Es ist mir persönlich ein grosses Anliegen, das Erbe meiner Vorfahren lebendig zu halten. Für jede nachfolgende Generation ist es ein wunderbares Privileg, mit der Kunst zu leben- sie zu erleben. Schön, dies mit anderen Menschen teilen zu dürfen, auch durch Leihgaben, durch Schenkungen, durch Engagement für Künstler und Kunsträume und nicht zuletzt durch den Aufbau unserer eigenen Sammlung.

Sie engagieren sich für die Kunst und Kultur mit bedeutendem persönlichem Engagement, das in verschiedenen Formen weitergeführt wird. Was bedeutet für Sie Philanthropie? Eigentlich steht Philanthropie für die Liebe zum Menschen, - es steht für freiwilliges Helfen und Unterstützen. Jeder Mensch, der einem anderen etwas Gutes tut, ist ein Philanthrop. Ich mache das auch - und gerne.

Heute sind Sie Präsidentin der Stiftung Kunsthalle Bern. Welches ist der Stiftungszweck und worin besteht Ihre Aufgabe? In den letzten 36 Jahren hat die Stiftung Kunsthalle dank den von den Stifterinnen und Stiftern zur Verfügung gestellten Mitteln eine bedeutende Sammlung von Gegenwartskunst aufgebaut. Diese umfasst nunmehr an die 200 qualitativ hochstehende Kunstwerke nationaler und internationaler Kunstschaffender. Werke aus dem Bestand der Stiftung Kunsthalle werden regelmässig angefragt für Ausstellungen im Kunstmuseum Bern und in internationalen Museen. Das bestätigt unseren bisherigen Kurs und erlaubt es der Stiftung, Werke sichtbar und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die Tätigkeit der Stiftung Kunsthalle ist ein Statement für die Kunsthalle Bern. Diese schreibt seit ihrer Gründung 1918 internationale Kunstgeschichte und prägt neue Strömungen mit. Sie hat sich nie gescheut vor hitzigen Diskussionen um die Werke junger und unbekannter Künstlerinnen und Künstler und sie hat manches in Bewegung gesetzt. Für viele namhafte Kunstschaffende war die Kunsthalle Bern erste Station ihrer Ausstellungsbiographie, darunter Paul Klee, Ludwig Kirchner, Meret Oppenheim, Giovanni Giacometti oder Jasper Jones. Die Liste ist lang und eindrücklich. Die Stiftung Kunsthalle verfügt jährlich über ein beachtliches Ankaufsbudget. Dieses wird durch grosszügige Beiträge der Stifterinnen und Stifter alimentiert.

Was können Philanthropen erreichen, was die öffentliche Hand nicht kann? Die meisten Menschen, die ich kenne, engagieren sich freiwillig für einen Verein, als Coach für einen Sportklub, in der Altenpflege oder in gemeinnützigen Stiftungen. Jede und jeder ist ein Gönner:in. Oft haben sich auch KMU’s und Firmen für ein Projekt stark gemacht, das ihnen am Herzen liegt. Wir sind in der Schweiz unglaublich privilegiert: uns geht es gut, wir leben in einem Staat, der für seine Bevölkerung sorgt, uns beschützt und der Bevölkerung dient. Wir alle helfen mit unserem Engagement etwas nach. Der Begriff ‘Ehrenamtliche Arbeit’ drückt es aus- aus Ehrgefühl und Anstand setzt man sich freiwillig für seine Werte ein, für eine kulturelle und gesellschaftliche Aufgabe. Mit finanziellen und personellen Ressourcen und aktivem Einsatz können wir etwas bewirken, was die öffentliche Hand nicht immer kann. Da springen Gönner in die Bresche, können spontan entscheiden und schneller handeln.

Welche strukturellen Veränderungen der Gesellschaft werden Ihrer Meinung nach Einfluss auf die Philanthropie der nächsten Jahre haben? Gemäss einer Studie des GDI sei es zunehmend schwierig, Freiwillige für langfristige und regelmässige Arbeiten zu finden. Einige haben weit mehr als Sie zum Leben brauchen und sind auch bereit, das mit anderen zu teilen. Eigentlich gehört auch Zeit zum Wertvollsten und schönsten Gut: Zeit zu verschenken ist grosszügig und tut dem Beschenkten wie auch dem Schenkenden gut. Eine Idee mit persönlichem Engagement, Zeit und Geld, zu verwirklichen, gehört für mich zu einer meiner schönsten Aufgaben überhaupt.


Das Gespräch führte Dr. Dr. Elisa Bortoluzzi Dubach. Sie ist Stiftungs- und Sponsoringberaterin, Autorin sowie Dozentin. (www.elisabortoluzzi.com)

Datum17. April 2024 - Fundrasio
Linkfundraiso.ch