
Der Salon im Dezember führte die Kunstfreunde in der Kunsthalle zusammen. Shirana Shahbazi führte in ihre, auf farbigen Wänden präsentierte Foto-Ausstellung ein.
Sabine Hahnloser stellte Shirana Shahbazi vor, die 1974 im Iran geboren wurde, als Elfjährige mit den Eltern nach Deutschland auswanderte und zum Studium in die Schweiz kam. Sie lebt heute in Zürich. Ein Teil der in der Kunsthalle Bern gezeigten Arbeiten, entstand während einer dreimonatigen Reise durch den Iran, die Shirana Shahbazi gemeinsam mit ihren beiden Töchtern im Camping Car unternommen hat.
Die Fotografien – landschaftliche Motive, Menschen, Strassenszenen, die Töchter der Künstlerin zeigend – entstanden mit einer digitalen Kleinbildkamera oder dem Handy. Sabine Hahnloser interpretierte das als Bruch mit der bisherigen Arbeit Shahbazis, die vor allem aus präzise durchkomponierten und analog fotografierten Stillleben besteht.
Shirana Shahbazi lehnte diese Interpretation ab. Für sie besteht ein sehr enger Zusammenhang zwischen den auf der Reise entstandenen Bildern und ihren vorangegangen Arbeiten. Die Reisebilder seien keinesfalls Schnappschüsse, erklärte die Künstlerin. Die künstlerische Verwandtschaft mit ihrem übrigen Werk ergebe sich aus der extremen technischen Sorgfalt, mit der die Fotografien bearbeitet wurden. Die Bilder wurden nicht als Inkjet-Fotoprints abgezogen, sondern als Lithografien gedruckt. Die Entscheidung für das aufwendige handwerkliche Verfahren ergab sich durch den Wunsch, nicht im üblichen Vier-Farb-Druck zu arbeiten, sondern die Palette auf zwei Farben pro Bild zu reduzieren. Diese Reduktion löst die Bilder aus der fotoästhetischen Norm und ermöglicht, gemeinsam mit den leuchtend farbigen Wänden, ein anderes Sehen. Die Drucke zeigen Spuren der manuellen Bearbeitung: die aufgewalzte Farbe erzeugt stellenweise wolkige Strukturen die den Bildern haptische Qualitäten hinzufügen.
Die sehr intensiven Farben der Wände spielen in der Ausstellung eine grosse Rolle. Shirana Shahbazis Bilder wurden im Atelier von Thomi Wolfensberger in Zürich gedruckt. Wolfensberger, der seine Druck-Farben von Hand mischt, komponierte auch die kräftigen Wandfarben von leuchtendem Gelb über sattes Blau bis zu mattem Türkis. Die Farben seien in der Ausstellung in der Kunsthalle wichtig gewesen, sagte Shirana Shahbazi, um die Stimmung unter Kontrolle zu behalten. „Das Romantische der Bilder sollte die Ausstellung nicht kidnappen.“
Die Hängung erwies sich aufgrund des grossen Volumens an Bildern als schwieriger Prozess. Der zur Austellung entstandene Katalog gibt in seiner skizzenbuchartigen Offenheit einen Eindruck von der enormen Fülle der Arbeiten. Die Anordnung der Bilder in der Ausstellung folge, erklärte Shirana Shahbazi, manchmal narrativen aber meist vorrangig ästhetischen Überlegungen.
Jobst Wagner versuchte das bisher Gehörte enger mit der Persönlichkeit der Künstlerin zu verknüpfen und fragte, welche Rolle der Iran in ihrer Arbeit spiele, ob sich eine autobiografische Komponente in ihrem Werk benennen lasse. In den Arbeiten die auf ihrer Reise durch den Iran entstanden seien gebe es sicher einen starken autobiografischen Anteil, erklärte Shirana Shahbazi und erzählte, dass sie geprägt durch die politisch interessierte Haltung ihrer Eltern, ursprünglich Journalistin werden wollte. In Dortmund besuchte sie eine Schule für Fotojournalisten, kam jedoch bald zu der Überzeugung, Bilder seien unpräzise. „Präzise sind sie nur dann, wenn die Aussage vorher schon feststeht“, erläuterte sie. Sie habe sich, erzählte Shirana Shahbazi, sehr schnell sehr weit von der klassischen Reportage-Fotografie entfernt. Sie wolle und könne nicht mit dem Mittel der Fotografie Relevantes über den Iran, über Frauen im Islam sagen. Sie werde aber von anderen immer wieder auf diese Themenbereiche zurückgeführt. Viele Menschen erwarteten quasi, dass sie sich als Frau und Künstlerin iranischer Herkunft mit Frauen in islamischen Länder beschäftige.
Sabine Hahnloser erinnerte an ein UBS-Seminar, in dessen Rahmen eine zynische aber zutreffende Skizze des idealen Künstlers gegeben wurde: Frau mit Migrationshintergrund und unglücklicher Kindheit…
Sie wehre sich gegen solche Zuschreibungen und möchte diesen Markt nicht bedienen, erklärte Shirana Shahbazi, und fügte an: Fotografie sei mittlerweile omnipräsent und jeder glaube, sie lesen zu können. Doch oft gehe der Blick viel zu schnell über die Bilder, um sie wirklich zu erfassen. Sie möchte Betrachter mit ihrer Fotografie dazu bringen, länger hinzuschauen.