Silvia Gertsch: die Quintessenz des Augeblicks

Der Verein der Freunde ergriff früh die Gelegenheit, drei Werke der Berner Künstlerin Silvia Gertsch anzukaufen: Movie II (Inv. G 01.013) von 2001, Summer (3 Nixen) von 2006 und Summer von 2007 (Inv.G 08.002 und G 08.003).

Silvia Gertsch hält in ihren Sommerbildern Szenen fest, die wir alle selber erlebt und beobachtet haben: selbstvergessen im Wasser stehende Mädchen, das gleissende Licht fällt über ihre Körper und reflektiert stark in der von leichten Wellen bewegten Aare. Konturen lösen sich auf. Der Schnappschuss zeigt ein vielfältiges Spiel mit Gegensätzen von Licht und Schatten – tief und flächig zugleich, dominierend und zurückhaltend, detailgetreu und verschwommen.

Auch diese Szene scheint einem vertraut: Wir fahren abends auf einer verregneten Autobahn müde nach Hause, Regentropfen prasseln gegen die Windschutzscheibe, die Scheibe im Innern ist beschlagen, die Scheinwerfer entgegenkommender Wagen blenden und beeinträchtigen die Sicht. Erneut ein Ringen mit Licht und Schatten, mit Konturen und deren Auflösung, mit Sichtbarem und Gefühltem. Es ist ein vielstimmiges Werk, dessen düstere Stimmung uns in seiner
Melancholie trifft.

Das Werk von 2001 ist in Öl hinter und mit Lack auf Glas gemalt. Der Lack überdeckt die Hinterglasmalerei lasurartig wie ein Schleier, der sich über Glas und Darstellung legt. Dies weckt in mir Assoziationen an manche Schätze der Kunstgeschichte: Ich denke an Leonardos Sfumato, an Caravaggios Tenebrismo, an barocke Räume mit indirekten Lichtquellen und an Ruisdaels überwältigende Wetterstimmungen.

Videostills von Autofahrten dienten als Vorlage der Movie-Serie. Im Auto, auf Spaziergängen durch lichtüberflutete Sommerlandschaften oder über schneebedeckte Hänge und auch daheim ist Silvia Gertsch stets mit dem Handy anzutreffen, immer bereit, den besonderen Augenblick, Stimmungen oder Begegnungen, Schatten oder Spiegelbilder auf Fotos zu bannen. Es werden daraus Bilder, die uns in ihrer Unmittelbarkeit, in ihrer Ästhetik, in ihrer Sinnlichkeit und Melancholie nie gleichgültig lassen

Im Atelier malt sie den Augenblick nach – nicht auf der Leinwand, welche die Farbe aufsaugt und keinen Widerstand leistet, wie Silvia Gertsch sagt, sondern auf Glas. In ihrem Gespräch mit Kathleen Bühler schildert Silvia Gertsch den eindrücklichen Weg vom schnellen Schnappschuss zum vollendeten Hinterglasbild.1 Sie malt heute meist in Öl – nächtelang in verrenkter Position vor der Glasscheibe stehend.Die Künstlerin greift mit ihrem Arm über die Kante hinweg zu Pinsel und Farbe und malt das Bild seitenverkehrt auf der Rückseite der Glasscheibe. Vorne prüfen ihre Augen das entstehende Werk. Der Vordergrund wird vor dem Hintergrund aufgetragen. Eine anspruchsvolle Umkehrung der gängigen Malweise. «Oft kompiliere ich eine Vorlage aus mehreren Schnappschüssen», sagt sie. Sie überarbeitet die Vorlage digital immer und immer wieder – bis sich derjenige Moment herauskristallisiert, der ihren Vorstellungen entspricht.

Manchmal zeichnet die Künstlerin vor. Schicht für Schicht arbeitet sie sich anschliessend von einer Ecke ausgehend in das Bild vor – alla prima, nass, direkt und deckend. Diese Maltechnik verlangt grosse Konzentration, erlaubt weder Zögern noch Improvisieren. Korrekturen und Übermalungen sind nicht möglich – und wenn doch, nur mit mühseligem Aufwand. Das Malen auf Leinwand verläuft grundlegend anders: Zuerst wird grundiert, die Komposition angelegt, eine Figur gemalt, vielleicht zuerst das Gesicht, dann die Hände und zuletzt die Bluse oder der Hut. Danach wird der Hintergrund ausgestaltet; Übermalen und Verändern ist immer möglich. Anders bei der Malerei alla prima: Silvia Gertsch malt synchron ihre Figuren, Gesichter, Licht, Schatten und Modellierungen. Denn ein Innehalten gibt es nicht.

Auf Instagram konnte ich während zwei Wochen das Entstehen eines Winterbildes mitverfolgen: Die Glasplatte lehnte auf einer Holzstaffelei, davor stand eine farbverschmierte kleine Leiter, Dutzende von Farben und ebenso viele von Farben triefende Pinsel lagen bereit. Der Blick durch die Glasplatte hindurch aufs Atelier im Haus der Künstlerin und ihres Partners Xerxes Ach an einem Waldrand in Rüschegg.

Katzen schlichen durch den Raum. Nacht für Nacht arbeitete sich die Farbe zentimeterweise auf dem Glas vor, eroberte allmählich die Fläche und formierte sich zu einem aus kompilierten Schnappschüssen bestehenden Moment: einer Quintessenz des Augenblicks. Zuletzt boten nur noch ein paar kleine Gucklöcher auf der Glasfläche Einsicht ins Atelier.

Dann endlich, das erlösende Hashtag# finished? #89 x 136 cm# Beyond II#2: eine in Violettrosa getauchte, zauberhaft leuchtende Waldlandschaft war zu sehen. Das Werk wurde mir ein innig lieb gewonnenes Bild, denn ich durfte ja als Follower am Werden und Heranwachsen des Bildes partizipieren.

Silvia Gertschs Werke inspirieren. Oft ertappe ich mich beim Gedanken: «Diese Stimmung, diese Aussicht – was würde Silvia wohl damit anfangen?»

Sabine Hahnloser Tschopp