Fünf Fragen an . . . Sabine Hahnloser
1. Wenn Sie an Ihre Schulzeit denken, was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?
Ich hatte wirklich eine schöne und inspirierende Schulzeit und blicke auch gerne zurück- obwohl mit einem Zwinkern in den Augen… heute habe ich drei Töchter, die in Bern -sogar in derselben Schule und zum Teil bei meinen Lehrern- ihre Schulzeit absolviert haben; es war fast wie ein Flashback. Mein Schultrauma: jährlich wurden Mädchen als kleine fleissige Handwerkerinnen präsentiert. Unsere Strick-, Näh- und Stickarbeiten mit Namen versehen und schön aufgereiht auf einem Schulpult ausgestellt. Die Eltern kommentierten jeden bestickten Stricknadelrollenhalter, bemerkten die hübschen Stickmuster und würdigten die mühsam gestrickte Socken für den Vater. Stiche und Muster wurden prüfend beurteilt, die Farbwahl und Abfolge gelobt (es gab nur 3 Wollfarben: grau, braun und noch dunkebraun). Ich habe bei den Socken rebelliert und ein rotes Rändchen als Abschluss gewählt. Das brachte mir im Zeugnis ein «knapp genügend» und im Kommentar ein «aufmüpfig» ein.
Danke an alle, die unsere Kinder ausbilden und miterziehen! Eine grossartige und noble Leistung!
Ich erinnere mich an eine andere Episode: in der ersten Klasse hatten wir das Thema Familie und jedes Kind sollte etwas Typisches aus seiner Familie mitnehmen. Die meisten brachten Taufbüchlein, Kinderschuhe, Schälchen mit Namen oder Familienbibel etc. mit. Ich habe kurzerhand ein hübsches Bildchen von einem Kind in ein Küchentuch eingewickelt und mitgebracht; das gerahmte Bildlein wurde an einen Reisnagel gehängt und hing 3 Wochen in unserem Schulzimmer – bis meiner Mutter plötzlich auffiel, dass ein kleines Werk von Ferdinand Hodler in unserer Sammlung fehlte. Mein Vater kontaktierte umgehend den Direktor, der spätabends das Schulhaus aufschloss. Gemeinsam brachten sie mit weissen Stoffhandschuhen und Packmaterial das Bildchen in Sicherheit. Ich fand das natürlich komplett peinlich und übertrieben.
2. Welcher Lehrperson würden Sie rückblickend eine Sechs geben, und warum?
Rückblickend bewundere ich den Einsatz und die Geduld meiner Lehrer. Die späten 70er und frühen 80er Jahre waren zum Teil wild und im Wandel. Einige Kinder wuchsen sehr streng und konservativ auf, andere hatten Hippies als Eltern und waren lebhaft und rebellisch. Wir waren eine bunte und schon fast exotische Mischung aus allen sozialen, religiösen und kulturellen Schichten: Immigrierte Kinder aus Italien, Spanien oder der Türkei, Flüchtlingskinder aus Sri Lanka. Unser Schulkreis war gross, wir kamen aus der Lorraine, dem Breitenrainquartier, dem Altenberg, ein paar Nasen aus der Matte – eine richtige Räuberbande. Bewusst wurde mir das, als wir unsere Znüni tauschten: misstrauisch versuchten wir Currytäschchen, freuten uns über hausgemachte Salami der Nonna aus Sizilien und liebten die spanischen Churros. Ich habe einmal mit Reis gefüllte Weinblätter mitgebracht, eine Spezialität meiner griechischen Mutter. Die wollte aber leider niemand probieren – wer isst schon Blätter! Ich hatte einige tolle Lehrer, denen ich gerne ein Kränzchen winden würde. Aber lieber keine Note geben – Noten werden keinem Menschen wirklich gerecht.
3. Inwiefern hat Ihnen die Schule geholfen, Kunstsammlerin zu werden?
Der grösste Einfluss kam aus meinem Elternhaus. Ich stamme aus einer bildungsnahen Familie und durfte früh viel Schönes uns Spannendes erleben. Meine Eltern bewegten sich in der Berner und internationalen Kulturszene. Ich stamme in 4. Generation aus einer Sammlerfamilie, das Leben mit der Kunst und den Künstlern gehört zu meinem Alltag. Mein Mann und ich sammeln zeitgenössische Kunst und geniessen den regen Kontakt mit der aktuellen Kunstszene. Heute engagiere ich mich in der Kulturpolitik und leiste Freiwilligenarbeit im Kunstmuseum Bern.
Hierzu noch eine kleine Anekdote: In der Oberstufe hatten wir im Zeichnen das Thema Oberflächen und Muster. Ich war gerade zu Hause am Zeichnen, als Markus Raetz, der bei uns zu Besuch war, diese Aufgabe für mich übernahm und ein fantastisches schwebendes filigranes Netz zeichnete. Ich gab die Zeichnung ab und bekam dafür eine 4.5.- der Lehrer fand die Idee zwar gut, aber nicht wirklich kreativ…
Aber auch die Schule förderte massgeblich die Kontakte mit der Kunst: Wir haben neben dem jährlichen Ausflug an die BEA auch ein paar Kunstausstellungen besucht, z.B. die Ausstellung ‘Der Junge Picasso’ 1985 im Kunstmuseum Bern. Dieser Besuch prägt mich noch heute- wir durften ein Werk nachzeichnen, eine Saltimbanques-Gruppe. Zur gleichen Zeit lief eine Ausstellung über junge, mutigen russische Künstler in der Kunsthalle (mit Kabakov) – ich glaube bei dieser Ausstellung habe ich den Entschluss gefasst, die Sammlungstätigkeit meiner Vorfahren fortzuführen.
4. Was ist das Wichtigste, was Kinder und Jugendliche heute im Kindergarten oder in der Schule lernen sollten?
Soziale Werte, das Leben in einer Gemeinschaft, Rücksichtnehmen auf Schwächere Wir leben im Zeitalter der Entrüstung. Jeder wertet, verurteilt und teilt breit seine Meinung und seine Entrüstungen mit. Dabei steht es uns doch gar nicht zu, über andere zu urteilen. Es gibt so viele unterschiedliche Kulturen und Familienmodelle und Familienstrukturen, manchmal fehlt der Halt oder die Sicherheit einer Grossfamilie. Viele stehen als Eltern heute alleine da. Es fehlt die Übung im respektvollen Umgang mit dem Gegenüber. Unterschiedliche Kulturen prallen direkt aufeinander.
Wir hatten Noten und kleine Schulberichte, heute erhalten wir von der Schule eine psychosoziale Abhandlung über unsere Kinder – und müssen dazu noch Stellung nehmen. Das überfordert die meisten Eltern. Manche Eltern geraten darüber in Rage und greifen in den Verantwortungsbereich der Lehrerin ein; ob dies immer dem Kind, dem Lehrer gerecht wird?
Was sollen die Kinder lernen? Respekt vor den anderen! Der achtsame Umgang mit unseren Mitmenschen prägt unsere Gesellschaft. Im Netz fallen die Schranken, Cybermobbing, entwertende und verletzende anonyme Bewertungen zerstören Existenzen und lösen Frustration aus – jeder Beruf ist wertvoll, jede geleistete Arbeit und jeder Einsatz trägt zum Wohle unserer Mitwelt bei. Dialog fördern, sich austauschen und gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten! Die nächste Generation muss leider unsere Fehler im Umgang mit der Natur um Umwelt ausbaden; erziehen wir die Kinder, erziehen wir auch die Eltern! Trotz all den Vorbehalten: Wir haben wir ein gerechtes und hochstehendes Schulsystem mit fairen Bildungschancen.
5. Wären Sie eine gute Lehrperson?
Ich glaube, ich wäre heillos überfordert. Meine älteste Schwester Christiane hat etwa 30 Jahre lang Jugendliche unterrichte. Sie ist eine Heldin! Es ist eine riesige Herausforderung für die Lehrer, sowohl den Kindern wie und deren Eltern gerecht zu werden. Jedes Kind hat seine spezifischen Bedürfnisse und das Recht auf gleiche Lebenschancen – diese Verantwortung ist immens und lastet auf den Lehrerinnen und Lehrern.
Wir stecken mitten in der Corona-Pandemie, über die Löhne und grossartigen Leistungen von systemrelevanten Berufen wird diskutiert und Menschen werden verdientermassen beklatscht – aber die Lehrer lässt man aussen vor. Innert weniger Tage haben Sie auf Online Homeschooling umgestellt und den Unterricht angepasst. Wir haben unsere Tochter, sie ist in der 9. Klasse, 2 Monate lang zuhause mitunterrichtet. Wir wurden zwar professionell unterstützt und gecoacht. Aber Hey…Gottseidank übernimmt die Schule wieder.
Danke an alle, die unsere Kinder ausbilden und miterziehen! Eine grossartige und noble Leistung!